Digitalisierung: Eine Positionierung der FCG

Digitalisierung im historischen Kontext

Von der ersten Industriellen Revolution, wo die Einführung mechanischer Produktionsanlagen mit Hilfe von Wasser- und Dampfkraft, die Arbeit erleichtert hat, bis hin zur vierten Industriellen Revolution, welche viel mehr Bereiche erfasst als lediglich die Industrie.

Präambel

Die Arbeitswelt ändert sich grundlegend. Die industrielle Produktion ist längst nicht mehr der einzige Bereich, der durch die Digitalisierung massiv verändert wird. Digitalisierung durchdringt mittlerweile alle Arbeits- und Lebensbereiche.

Das Tempo der digitalen Durchdringung aller Lebensbereiche ist enorm und die Herausforderungen sind groß. Viele Formen von Arbeit verlieren die örtliche und zeitliche Gebundenheit. Dieses große Maß an möglicher Flexibilisierung birgt neben großen Chancen auch viele Risiken. Viele Tätigkeiten werden in Zukunft von Maschinen geleistet werden können. Ausgeklügelte Softwareprodukte werden in naher Zukunft viele Entscheidungsprozesse durch die Auswertung (immer mehr) vorhandener und leicht verfügbarer digitaler Daten aufbereiten können. Tätigkeiten, die bisher hoch qualifizierten Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeitern vorbehalten waren. Roboter lernen kognitive Fähigkeiten zu simulieren und Empathie zu zeigen.

Die verfügbare Datenmenge wächst ständig mit immer größerer Geschwindigkeit. Daten sind der Rohstoff des 21. Jahrhunderts. Big Data ist das Schlagwort, das uns hier immer wieder begegnet. Die Digitalisierung aller Lebensbereiche ermöglicht einen völlig neuen Blick auf Sachverhalte. Diese Entwicklung steht erst am Beginn. Am Beginn der digitalen Revolution!

Auswirkungen auf die Arbeitswelt:

  • In der industriellen Produktion sowie in der Sachgütererzeugung übernehmen computergesteuerte Maschinen und Roboter immer häufiger und umfassender Produktionsprozesse, die früher durch Menschenhand abgewickelt wurden. Berufsbilder werden sich weiter grundlegend verändern oder ganz verschwinden. Beispiele: Werkzeugmacher, Mechaniker, Dreher, Drucker, etc.
    • Vorteil: Lohnkosten verlieren an Bedeutung, dadurch besteht die Möglichkeit Produktionsverlagerungen von Billiglohnländern wieder zurückzuholen.
    • Nachteil: Neu entstehende Arbeitsplätze gleichen die weggefallenen Arbeitsplätze nicht aus, von der steigenden Produktivität profitieren nur wenige.
  • Immer mehr Arbeitsprozesse werden durch Softwareprogramme erledigt. Entscheidungen, die früher von hochqualifizierten Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeitern getroffen wurden, werden anhand einer Fülle von digital verfügbaren Informationen durch Softwareprogramme gefällt. Beispiele: Kreditsachbearbeiter/innen, Anlageberater/innen, Versicherungsvertreter/innen, Betriebsprüfer/innen, etc.
    • Vorteil: schnelle Erledigung, einheitliche Standards.
    • Nachteil: qualifizierte Arbeitsplätze gehen in großer Zahl verloren und werden kaum durch neue ersetzt.
  • Der Einsatz von computergesteuerten Maschinen, Robotern und ausgeklügelte Software im Handel gewinnt an Bedeutung. Hier verändern der Internethandel und die technischen Möglichkeiten die derzeitige Situation grundlegend. Alleine die Möglichkeit des digitalen Supermarktes gefährdet in Österreich rund 200.000 Arbeitsplätze von Kassiererinnen und Kassierern bzw. Verkaufsfachkräften. Waren werden mit Chips beklebt, die Bezahlung erfolgt über die Bankomatkarte kontaktlos oder mit dem Handy. Kundinnen und Kunden brauchen nur mit dem Einkaufswagen durch den Scantunnel zu fahren. Die Waren müssen nicht mehr auf ein Förderband gelegt werden. Die Bezahlung erfolgt kontaktlos. Waren im Supermarkt werden durch Roboter nachgeschlichtet.
    • Vorteil: einfach, schnell und bequem für die Kundinnen und Kunden. Für die Supermarktketten ist durch die Kompletterfassung kein Warenschwund mehr möglich.
    • Nachteil: Eine Vielzahl an Arbeitsplätzen geht dauerhaft verloren. Gläserner Konsument.
  • Arbeit kann in fast allen Bereichen und Branchen von Ort und Zeit getrennt werden. Daraus folgt ein Mehr an Flexibilität (Arbeitszeit, etc.), das im Idealfall sowohl Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern als auch Arbeitgebern zu Gute kommen kann. Zwei große Themenbereiche gewinnen an Bedeutung:
    • Teleworking: Mittlerweile gibt es in vielen Kollektivverträgen, als auch im Öffentlichen Dienst auf gesetzlicher Basis sehr gute Regelungen, die im Wesentlichen darauf beruhen, dass Teleworking nur im gegenseitigen Einverständnis eingeführt werden kann. Genaue Regeln sind dabei zu beachten.
      • Vorteil: Im Idealfall entsteht ein Flexibilitätsgewinn zum Vorteil von beiden Seiten. Auf der einen Seite fallen Fahrtkosten weg, auf der anderen Seite können Büroarbeitsplätze und damit Kosten reduziert werden.
      • Nachteil: Gefahr der Selbstausbeutung. Die Trennung zwischen Beruf und Privat verschwimmt zusehends.
    • Crowdsourcing oder auch Crowdworking: Der Begriff Crowdsourcing ist eine Wortkreation aus CROWD und OutSOURCING. Das sagt bereits viel – es ist eine Möglichkeit für Unternehmen Tätigkeiten, die mit dem Computer erledigt werden können an Anbieter auszulagern. Dieses Modell kennt keine Branchengrenzen. Grundsätzlich ist jede Arbeit, die am Computer erledigt werden kann „Crowdsourcing-fähig“. Kleine und mittlere Unternehmen nützen immer stärker diese Möglichkeit und optimieren dadurch Kosten – zu Lasten von Fixarbeitsplätzen. Mittlerweile gibt es mehr als 2.000 Anbieterplattformen. Auf der Plattform freelancer.com bieten aktuell mehr als 17 Millionen Freelancer ihre Dienste an. In den USA werden über solche Plattformen qualifizierte Tätigkeiten bereits um einen Stundenlohn von 1,50 Dollar angeboten.
      • Vorteil: Unternehmen können Kosten reduzieren und das Risiko zur Gänze an Anbieter bzw. Freelancer weltweit auslagern. Vorteile nur für Unternehmer!
      • Nachteil: Durch weltweite Konkurrenzsituation völlig ungeregelter Preiskampf, dadurch Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse. Im Fokus steht nur mehr und ausschließlich die Arbeitsleistung. Der Mensch dahinter wird nicht mehr gesehen. Damit liegt der Profit des Auftragsgebers im Mittelpunkt und nicht mehr der Mensch!
        Arbeitsrechtliche Regelungen – fehlen,
        Mindestlohn – fehlt,
        Arbeitnehmerschutz – fehlt, etc.
    • Umfassende Kontrollmöglichkeiten erfordern umfassende Schutzbestimmungen. Es muss sichergestellt werden, dass die Menschenwürde berührende Kontrollmaßnahmen verboten werden. Negativbeispiele wie bei Amazon bzw. Paketdiensten müssen zu wirksamen Regelungen führen, damit solche menschenunwürdige Praktiken sofort abgestellt werden.
      Es muss auch die Frage geklärt werden, wem die Daten gehören. Wenn beispielsweise über eine App Daten über den User gesammelt werden, so sollten diese Daten grundsätzlich dem User gehören und nicht dem Betreiber der App oder Google oder Apple oder Amazon, etc. Damit könnte man die Macht dieser Konzerne auf ein vernünftiges Maß einschränken.
    • Durch die beschriebenen Entwicklungen werden Arbeitsplätze im großen Stil verloren gehen. Es ist davon auszugehen, dass deutlich weniger neue Arbeitsplätze entstehen werden. Verschiedene ernst zu nehmende Studien gehen von einem Wegfall von 40 bis 60 % aller bisher bekannten Arbeitsplätze in den nächsten 10 bis 20 Jahren aus.
    • Wenngleich in Zukunft Roboter vielleicht auch komplexe menschliche Fähigkeiten simulieren können, so wird dennoch menschliche Zuwendung in vielen Berufen unersetzbar sein. Somit kann die Digitalisierung – gerade im Gesundheits- und Sozialbereich – eine Chance für Berufsgruppen sein, die derzeit sehr belastet sind.

Drei zentrale Fragestellungen:

  1. Wo findet die WERTSCHÖPFUNG statt und wo fließt das Geld hin?

Anstelle der bisherigen starren Wertschöpfungskette werden in Zukunft durch die Digitalisierung dynamische Wertschöpfungsnetzwerke entstehen. Anbieterplattformen von Dienstleistungen wie z.B. Freelancer.com, UBER, airbnb, etc., generieren Wertschöpfung in fast allen Ländern der Welt. Es muss sichergestellt werden, dass auch eine entsprechende Steuerleistung erbracht wird und das Geld nicht in sog. „Steueroasen“ versickert. Außerdem ist eine gleiche Wettbewerbssituation mit inländischen Anbietern herzustellen (Sozialversicherungsabgaben, etc.)

  1. Wie wird der GEWINN aus Arbeitseinsatz und Betriebsmitteleinsatz gerecht verteilt?

Wenn der Gewinn aus Arbeitseinsatz zurückgeht und jener aus Betriebsmitteleinsatz steigt, müssen neue Wege gefunden werden um diesen Gewinn gerecht zu verteilen. Diese Verteilungsfrage ist zum Wohle aller zu klären. Dabei darf es keine Tabus geben.

  1. Wie wird die FINANZIERUNG der sozialen Sicherungssysteme für die Zukunft gewährleistet?

Auch wenn in Zukunft weniger Arbeit vorhanden sein wird ist die Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme zu gewährleisten. Das bedeutet neue Finanzierungsmöglichkeiten zu generieren. Die derzeitige an einem Arbeitsplatz gebundene Finanzierung ist zu eng gefasst.

Daraus ergeben sich folgende Handlungsfelder:

Handlungsfeld 1:

Digitalisierung muss das Leben aller verbessern und darf nicht ein Geldvermehrungsprogramm für einige wenige sein, die unermesslichen Reichtum anhäufen. Die neuen Techniken und Möglichkeiten wurden ja auch überwiegend von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern entwickelt. Sie sollen zumindest genauso davon profitieren wie die Unternehmerseite.

Handlungsfeld 2:

Computerprogramme und Roboter, seien sie auch noch so ausgeklügelt entwickelt, können die Fragen der Ethik und der Werte im Wirtschaftssystem nicht ersetzen. Jedes Wirtschaftssystem und jede Technik muss zum Wohle aller gestaltet sein und allen Menschen dienen und nicht umgekehrt. Das bedeutet, dass der Mensch im Mittelpunkt all dieser Entwicklungen bleiben muss.

Handlungsfeld 3:

Auch bei den nun möglich gewordenen neuen Arbeitsformen ist das Konzept der „Guten Arbeit“ von zentraler Bedeutung. Insbesondere bei Crowdsourcing und ähnlichen Auftraggeber- und Auftragnehmerbeziehungen sind verbindliche Regelungen durchzusetzen. Es darf zu keiner Prekarisierung breiter Bevölkerungsschichten und insbesondere unserer Jugend kommen!

Handlungsfeld 4:

Aus- und Weiterbildung bekommt einen zentralen Stellenwert. Die diesbezüglichen Möglichkeiten sind auszubauen und zu verbessern. Ebenso sind die technischen Voraussetzungen so schnell wie möglich zu schaffen. Dazu gehört der umfassende Breitbandausbau genauso wie die Ausstattung der Schulen mit den besten technischen Hilfsmitteln oder die Schaffung von digitalen alternsgerechten Arbeitsplätzen.

Handlungsfeld 5:

Da immer mehr Arbeit von Computern, computergesteuerten Maschinen, Robotern und Softwareprogrammen erledigt wird, ist die verbleibende Arbeitszeit gerecht zu verteilen. Damit muss die Arbeitszeitdiskussion neu geführt werden.

Handlungsfeld 6:

Die Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme ist auf eine breitere Basis zu stellen. Die derzeit arbeitsplatzbezogene Finanzierung greift zu eng. Es ist auch sicherzustellen, dass außerhalb Europas produzierende Konzerne für Umsätze in Europa ihren Beitrag zur Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme leisten.

Handlungsfeld 7:

Für die Gewerkschaften liegt die große Herausforderung darin, die „freiberuflichen“ Anbieter von Leistungen als Mitglieder zu gewinnen. Die Abgrenzung zwischen Selbstständigkeit, Abhängigkeit von einem Auftraggeber, arbeitnehmerähnliche Verträge usw. ist schwer vorzunehmen. Dennoch müssen diese Personen wirkungsvoll vertreten und vor Ausbeutung und sozialem Abstieg geschützt werden.

In einem viel beachteten Vortrag im Zuge des letzten ÖVP-Parteitages hat der österreichische Philosoph Konrad Paul Liessmann zur Thematik festgehalten: „Aber eines lässt sich mit Sicherheit sagen, wir steuern, und ich würde sagen, das ist ein großer Vorteil, in eine Gesellschaft, in der wir eigentlich, nachdem so viele Tätigkeiten maschinell erledigt werden können, in der wir eigentlich ein Mehr an Freiheit, ein Zugewinn an Großzügigkeit, ein Mehr an Muße realisieren können müssten. Und ich stelle Ihnen schon die Frage: Warum spüren wir nichts davon? Warum spüren wir nichts davon, dass wir unsere Industrieproduktionsprozesse automatisiert haben, dass wir unendlich viel Kreativität in unsere Wirtschaft haben fließen lassen, das Ziel aller Automatisierung, Maschinisierung. Und das war ja auch eine Idee des Bürgertums, des ökonomischen Bürgertums. Von Anfang an war es die Idee gewesen, den Menschen von Arbeit zu entlasten. D.h. also, warum geht nicht ein großes Aufatmen durch unsere Gesellschaft, dass wir dank unserer technischen Produktivität jetzt mehr Möglichkeiten haben, uns den wirklichen Dingen unseres Lebens, unseres Daseins zuzuwenden.“

Die dargestellten wichtigsten Handlungsfelder sind in einer gesamtgesellschaftlichen Debatte auch auf europäischer Ebene zu diskutieren. Die Zeit drängt und wir brauchen so rasch wie möglich akzeptable Lösungen, die für alle Menschen Verbesserungen bringen. Das Europäische Sozialmodell ist mit Hilfe der Möglichkeiten, die sich durch die Digitalisierung ergeben, abzusichern und auszubauen. Das im FCG-Grundsatzprogramm enthaltene und geforderte Konzept der Ökosozialen Marktwirtschaft gewinnt vor diesem Hintergrund enorm an Bedeutung.

Hier finden Sie die Positionierung als PDF zum Download.

Schnedl: Digitale Revolution

Die Industrie ist längst nicht mehr der einzige Bereich, der von Digitalisierung betroffen ist, mittlerweile durchdringt Digitalisierung alle Lebensbereiche. Beim Sozialpartnerdialog in Bad Ischl wurden drei Dimensionen benannt. Zum Ersten die Digitalisierung der Produktionsebene im Industriebereich und damit der Wegfall von Arbeitsplätzen, der durch das Entstehen von neuen Berufsbildern bei weitem nicht kompensiert wird. Zum Zweiten auf der Prozessebene: Durch die softwaregetriebene Analyse werden viele Prozesse, die bisher von der mittleren Managementebene entschieden wurden, automatisiert. Beispielsweise werden Entscheidungen über die Kreditwürdigkeit einer Person zum Groflteil von speziell programmierten Softwareprodukten getroffen. Die dritte Dimension ist jene der Möglichkeit zur nahezu lückenlosen Kontrolle von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern. So werden mittlerweile Beschäftigte von Paketdiensten via GPS überwacht. Die Digitale Revolution steht erst am Beginn. Die Auswirkungen auf die Arbeitswelt, auf die Finanzierung staatlicher Aufgaben, auf die Gesellschaft insgesamt sind heute noch gar nicht abschätzbar.

Es stellen sich in diesem Zusammenhang aber noch zwei wesentliche Fragen. Zum einen die Frage der Wertschöpfung. Wo findet diese statt und wo flieflt das Geld hin? Das lässt sich schon heute an einem Beispiel festmachen. Das Beförderungsunternehmen „UBER“ ist weltweit das größte Taxiunternehmen, das kein einziges Fahrzeug besitzt, seine Dienste via App anbietet, Menschen transportiert und dafür einen variablen Preis kassiert. Niemand weiß, wie es um die Ausbildung der Fahrerinnen und Fahrer steht, welche Berechtigungen vorliegen, usw. Wenn der Personentransport in Österreich abgewickelt wird, findet die Wertschöpfung hier statt, ein beträchtlicher Teil des Geldes flieflt aber in eine Steueroase auflerhalb Österreichs, der Staat – sprich die Gemeinschaft – sieht in aller Regel nichts. Zum anderen stellt sich die Frage nach Verteilung des Gewinnes aus Arbeitseinsatz und dem Betriebsmitteleinsatz, der immer mehr wird, damit die Gesamtgesellschaft von dieser Entwicklung profitieren kann. Das sind Fragen, auf die wir dringend Antworten finden müssen.

Leitlinie muss sein, dass die Digitalisierung aller Lebensbereiche so gestaltet werden muss, dass sie allen Menschen zugute kommt und nicht nur einigen wenigen.