Flexibilität besteht aus Geben und Nehmen

„Wenn Familienministerin Sophie Karmasin glaubt, dass es heute in der Praxis überall die sogenannte ‚heile Familie’ gibt, dann lebt sie in einer Blase. Die Realität zeigt nämlich eine andere Welt, die aus den verschiedensten Familienmodellen besteht“, zeigen Renate Anderl, ÖGB-Vizepräsidentin und Frauenvorsitzende, sowie ihre Stellvertreterin, GÖD-Frauenvorsitzende Monika Gabriel, wenig Verständnis für die heutigen Aussagen der Bundesministerin.

„Es gibt bereits jetzt die Möglichkeit, zwölf Stunden zu arbeiten. Sie wurde aber nicht dafür erfunden, dass teilzeitbeschäftigte Frauen an zwei Tagen der Woche arbeiten gehen, und die restlichen Tage hinter dem Herd verbringen“, so Anderl, die die Familienministerin auffordert, sich mit der Erwerbsrealität der Eltern auseinanderzusetzen.

Abgesehen davon, dass österreichweit nur rund 18 Prozent (ohne Wien: 1,9 Prozent) der Kinderbildungseinrichtungen zwölf oder mehr Stunden geöffnet haben, arbeiten vor allem Mütter bereits jetzt wegen der Kinderbetreuung Teilzeit. Ein 12-Stunden-Arbeitstag würde deren Situation nur noch verschärfen. „Für Eltern, die eine längere Strecke zum Arbeitsplatz pendeln müssen, wäre das ohne familiäre Unterstützung nicht bewältigbar“, sagt Anderl.

„Bundesministerin Karmasin fordert, dass sich die Öffnungszeiten der Kinderbetreuungseinrichtungen an den Bedürfnissen der Eltern und der Wirtschaft orientieren. Da könnte sie aber auch gleich die Wirtschaft in die Pflicht nehmen und dort für einen massiven Ausbau der Betriebskindergärten werben. Wer Flexibilität fordert, muss auch für ein entsprechendes Angebot sorgen“, betont Gabriel, für die Flexibilität aus Geben und Nehmen besteht.

„Wir ÖGB-Frauen scheuen keine Diskussion. Bevor wir über Arbeitszeitflexibilisierung verhandeln, müssen die Rahmenbedingungen passen: qualitativ hochwertige Kinderbildungseinrichtungen mit Öffnungszeiten die der Arbeitsrealität entsprechen, Vollzeitarbeitsplätze für Frauen, die das Wollen, und ein Einkommen, das ein gutes Leben ermöglicht“, fordern Anderl und Gabriel abschließend.